Rezension:
von Christiane Saathoff
Böses Omen oder Zeichen für Veränderung? Der Komet, der 1811 für mehrere Monate über Europa zu sehen war, galt Vielen als Unheilsbringer. Wie eine düstere Vorahnung „schwebt“ er über der Geschichte der Hebamme Lucilie Vinzenz, die Monika Bittl in „Bergwehen“ erzählt. Passend zur Schilderung des unheimlichen Himmelskörpers am Anfang, beginnt der Roman mit dem Tod der Hauptperson. Die Geschichte wird nun gewissermaßen von hinten aufgerollt und der Leser erfährt in kurzen und abwechslungsreichen Kapiteln, warum die Hebamme so plötzlich und gewaltsam sterben musste. Lucilie Vinzenz ist Oberhebamme an der Münchner Gebäranstalt, sie genießt im ganzen Umland einen guten Ruf. Trotzdem kommt es immer häufiger zu Todesfällen, viele Frauen sterben am Kindbettfieber. Doch bald bestätigt sich ihr Verdacht, dass die Frauen aufgrund der Besuche von (angehenden) Ärzten in der Gebäranstalt krank werden und führt erstmals Hygienemaßnahmen ein. Als sie selbst mit einem harmlosen Schnupfen das Bett hüten muss, beginnt sie zu ahnen, dass Krankheiten sich über unsichtbare „kleine Tierchen“ übertragen könnten – heute als Tröpfcheninfektion bekannt. Mit dieser Erkenntnis kann sie sich allerdings nicht an einflussreiche Mediziner wie den Stadtphysikus wenden, denn eine Frau wird in der Wissenschaft damals nicht Ernst genommen, sondern eher noch wegen Hexenwerks gebrandmarkt. Ihrer Theorie steht zudem die noch weit verbreitete „Säftelehre“ entgegen, wonach Krankheiten durch ein Ungleichgewicht der Säfte im Körper entstehen und nicht durch mangelnde Hygiene oder Virenübertragung.
Zeitgleich macht noch ein anderer „Freigeist“ eine Bahn brechende Entdeckung: Der Arzt Denaro erkennt, dass ein bestimmtes Gas, das auf Jahrmärkten zur Belustigung angeboten wird, eine narkotisierende Wirkung haben könnte. Die beiden fortschrittlichen Denker treffen sich zufällig in Lucilies Heimatdorf. Sie verlieben sich und versuchen zusammen, ihre revolutionären Ideen an die Öffentlichkeit zu tragen. Natürlich geraten sie dabei in Konflikt mit der Kirche und der Wissenschaft, was sie schnell in tödliche Gefahr bringt ...
Leider erscheint im Laufe des Romans die „Anhäufung“ von medizinischen Entdeckungen etwas übertrieben. Trotzdem lohnt sich die Lektüre, denn der Roman gibt einen angenehm kurzweiligen Einblick in das dörfliche Leben im Bayern des 19. Jahrhunderts, die Fortschritte der Medizin und die Ignoranz der Wissenschaftler gegenüber Frauen.


